Der durchschnittliche Marathonläufer verbringt einen Teil seines Trainingsjahres unter Tage. Er fährt in einen Schacht ein, etwa vier Wochen vor dem Tag, der ein besonderer werden wird. Danach ist alles Marathon. Essen, schlafen, Wochenenden – alles steht unter ein und dem selben Zeichen. Sogar die Liebe. Zum Beispiel, wenn wir müde sind oder inmitten der vielversprechendsten Choreografie einen Wadenkrampf bekommen. Wir sind im Tunnel und sehen rechts und links nicht mehr viel. Kilometeranzeigen auf der Autobahn, das Wetter, wir sehen alles mit den Augen des Läufers. Ans Tageslicht kommen wir nicht etwa mit dem Zieleinlauf, sondern erst viele Stunden später. Manchmal dauert es sogar Tage, bis wir verstehen, dass wir angekommen sind. Um uns herum begreift das alles kein Mensch, nicht einmal wir selbst. Aber wunderbar ist es doch.

Am eigenwilligsten ist der Tag davor. Wenn wir auf Marathonmessen herumstreunen, Läuferbeutel ausleeren und in der Nähe des Startbereichs umhervagabundieren, ohne recht zu verstehen, was mit uns geschieht, offenbar vor Monaten geschehen sein muss. Wir haben uns wohl angemeldet, sonst wären wir heute nicht hier. Wir haben wohl trainiert, sonst würden wir nicht daran festhalten, starten zu wollen. Aber wollen wir denn? Ja, unbedingt, endlich! Nein, um Himmels Willen! Mit Freude können wir die blaue Linie kaum betrachten, die man dort für uns aufgemalt hat, eher mit Bangen. Wann haben wir uns nur zuletzt so gefühlt – vor der Führerscheinprüfung? Wenn es nicht unser erster Marathon ist, ahnen wir, was auf uns zukommt. Wissen können wir es natürlich nie. Was wir wissen, ist: Es wird weh tun. Es tut immer weh. Aber irgendwann dann wird es sehr, sehr schön sein. Es ist immer schön. Nach dem Besuch beim Zahnarzt bekommen wir ein Eis. Oder besser: Während wir auf dem Zahnarztstuhl sitzen, bekommen wir ein Eis. Es ist ja immer alles gleichzeitig, oder doch zumindest sehr nahe beieinander.

Uns ist mulmig. Wenn wir eines der Kilometerschilder sehen, oder eine abgesperrte Straße. Allen ist mulmig. Die Mulmigen erkennt man an den umgehängten Läuferbeuteln. Wir kaufen etwas auf der Messe, irgendwas. Später werden wir nicht mehr recht wissen, warum wir gerade das gekauft haben. Im Tunnel ist alles anders.

Dann gehen wir nach Hause oder zurück in unser Hotel und legen Dinge von rechts nach links und wieder zurück. Wir befestigen Startnummern und lösen sie wieder, weil wir sie am falschen Kleidungsstück befestigt haben. Wir nehmen doch das andere. Oder? Wir installieren noch eine neue Wetter-App. Vielleicht sagt sie etwas anderes als das, was alle anderen Wetterberichte sagen, die wir schon kennen. Wir essen etwas und sehen Menschen, die morgen nicht laufen werden. Es ist eine andere Spezies, uns so fern wie der Mond. Sie wissen nicht, wie wir fühlen, ahnen nicht, dass wir schwere Beine haben und irgendein Symptom. Wir haben immer eines. Die Nase läuft. Gefühlt. Die Wade ist dicht. Das Knie in Aufruhr. Alles spricht dafür, dass wir morgen nicht in Form sind.

Wie wird es sein, morgen? Wie werden wir uns fühlen, morgen um die gleiche Zeit? Haha! Wir werden … ja, wir werden … endlich ein Bier trinken! Ach was, zwei, drei, vier Bier! Wir werden Riesensteaks essen oder irgendwas mit Speck und Bratkartoffeln! Viel Speck! Wir werden uns massieren lassen, in die Badewanne gehen, aufs Sofa legen, verwöhnen lassen! Wie schön wird das sein!

Das meiste davon werden wir natürlich nicht tun. Wir werden zu erschöpft sein, um uns zu betrinken, es wird uns viel zu beschwerlich vorkommen, in die Badewanne zu steigen. Unser Appetit hält sich auch meist in Grenzen. Wir sind ein wenig neben der Spur, haben kein Gefühl für Alltag. Wir werden noch eine Weile im Tunnel sitzen, bevor man draußen wieder mit uns rechnen kann. Denn das, was unterwegs mit uns passiert ist, müssen wir erst mal verarbeiten. Etwas Seltsames ist geschehen, wir wissen aber nicht, was.

Wir werden dann schließlich schlafen gehen, obwohl wir im Geist immer noch laufen, Kilometerschilder zählen, die Gesichter sehen, die uns angelacht und angefeuert haben, den Asphalt. Wir hören noch das Geräusch der zertretenen Pappbecher, das Tappeln der Schritte, die Trommler, die Tröten. Im Tunnel hallt alles noch lange nach. Sehr lange. Das, was wir heute gesehen, gedacht und gefühlt haben, begleitet uns ab nun für immer.

12 Kommentare

  1. Liebe Frau Schmitt,genau so ist es ! Du hast die Gefühle von den meisten von uns perfekt getroffen. Vielen Dank dafür.Und im übrigen, liebe Petra, nicht nur direkt aus der Läuferinnenseele, sondern natürlich auch direkt aus der Läuferseele. Liebe GrüßeHedgehog

  2. Jenau! Der Respekt ist immer wieder da, bin mittlerweile einige gelaufen, und es ist tatsache jedesmal so, wie du es beschreibst, das leicht flatterige Bauchgefühl, das Gefummel mit Startnummern, Chip anknüppern und immer wieder die Frage, hab ich genug lange Läufe gemacht, genügend Kohlehydrate gebunkert etcpp.Aber das Bier schmeckt abends dann tatsache richtig gut! Das, was man isst (und Fett ist schließlich DER Geschmacksträger schlechthin, auf dem man ein paar Tage schon verzichtet hatte) und trinkt, schmeckt dreimal so gut wie sonst ;-))Danke wie immer für deine Geschichten/Beschreibungen … hat mir wie so oft schon die Mittagspause verschönt!claudia

  3. Genauso fühle ich mich heute, nach dem gestrigen Tag. An dem ich kreuz und quer in einer Stadt herum gerannt bin und von der ich jetzt nur noch deshalb den Namen weiß, weil er auf meiner Finisher-Medaille steht. Frankfurt. Schade, dass ich die rosa Puschel in meinem Tunnel nicht gesehen habe.Danke Frau Schmitt für ihren erhellenden Post, über die Risiken und Nebenwirkungen eines Laufes über 42195 m.Grüssle KlausP.S. Spätestens beim Einlaufen in die Festhalle hätte mir mein Tunnelblick auffallen müssen.

  4. Nadelstreifenanzug mit Hut Antworten

    Das liest sich als wenn ich die letzten Tage beobachtet wurde,ohne es selber mitzubekommen was ich mache.Im Läuferbeutel nach Schätzen suchen,den Starbereich anschauen,ein wenig Angst vor der Strecke am Start,am Tage danach irgedwie eine Leere zu haben.

  5. Danke! Aber was, wenn das nicht alles eine Prüfung ist,eine Geduldsübung, ein quasi buddhistisches Ritual welchselbigeseinem gewahr werden lässt, dass jede Abhängigkeit auch Leiden versacht?Ich hätte jedenfalls neulich beim Hunsrück-Marathon meine Garminauch am liebsten vor Wut an die Wand geklatscht weil der Akku schon am Start leer war, obwohl dieses gottverdammte Ding noch 5 Minuten vorher am Ladegerät hing. Wäre in diesem Augenblick der verantwortliche Produktingenieur neben mir gestanden – ich säße jetzt im Gefängnis.Na, dann eben Laufen nach Gefühl. Auch gut. Ach was, besser, weil freier. Undbeschwert Laufen, ohne Computer am Arm und Excel-Tabelle im Kopf. Ein schönes Gefühl :-)Aber gerechterweisemuß ich sagen: es gibt auch Positives. Zum Beispiel das Draufladen und Ablaufen neuer Laufstecken mit Hilfe von Gpsies. Praktisch, wenn man im Urlaub läuft. 🙂

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